Sieht man nur mit dem Herzen gut?

„Heißt es nicht ‚man sieht nur mit dem Herzen gut‚?“, entgegnete sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. Sie verscheuchte ihre Bedenken und strich sich langsam mit der Hand, die sie noch immer an ihren Hals gedrückt hatte, die Haare hinter ihr rechtes Ohr. Der erotischen Wirkung dieser Bewegung war sie sich durchaus bewusst, hatte sie doch nicht nur während ihres Studiums einen Kurs über Körpersprache absolviert. Erst neulich war sie sich, während der Lektüre dieses Manuskriptes, der lange verdrängten Tatsache bewusst geworden, dass sie damals in Claires Liebesschule auch so eine Art Flirtkurs absolviert hatte.

Was hatte sie bloß alles mitgemacht, bevor sie Felix kennengelernt hatte! Warum nur …?

„Oh, Sie sind Exupéry-Fan!“, zerschnitt er schmunzelnd ihre schon wieder abschweifenden Gedanken. „Aber Vorsicht, der ist beim Fliegen abgestürzt!“
Mensch, der kannte sich ja beinahe aus. Ob sie korrigieren sollte, dass Exupéry in Wirklichkeit abgeschossen wurde? Ach Unsinn, war doch hier kein Geschichtsunterricht. Aber irgendetwas Lehrerhaftes hatte der Typ ja schon, musste sie bei dieser Gelegenheit konstatieren. War nur so ein Gedanke“, erwiderte sie stattdessen und war ganz froh, in diesem Moment vom Felix-SMS-Klingelton unterbrochen zu werden, obwohl der ziemlich verwegen war und sie eigentlich dachte, auf stumm geschaltet zu haben. Er hörte sich an wie das knarrende Sich-Öffnen einer ungeölten Kellertür.

aus: „Die Akademie“https://www.amazon.de/dp/B0783N17C6 https://shop.autorenwelt.de/products/die-akademie-von-jean-p?variant=39453469900893

Veröffentlicht von jeanp

„Ich schreibe, also bin ich." Mein Motto, René Descartes entlehnt, weist mir seit vielen Jahren den Weg. Selten vergeht ein Tag, an dem ich nichts geschrieben habe. Ein anderer Wegweiser sind die Träume. Mit ihnen habe ich jahrzehntelang „gearbeitet" - beruflich: therapeutisch wie im Bildungswesen. Was wir nächtens erleben, kommt tief aus unserer Seele. Das ist mein Thema. Meine Geschichten handeln davon. Ich blicke meinen Heldinnen und Helden in die Seele. Was erleben sie wirklich? Was geht in ihren Köpfen und in ihrer Seele vor? Was passiert mit ihnen, wenn sie sich verlieben und verlieren, sich verirren und finden? Ich freue mich darüber, dass meine Geschichten Anklang finden, und wenn sich jemand bei dem einen oder anderen, was er liest, „ertappt fühlt", leide ich mit ihm - oder freue mich ganz besonders. Denn die Projektionen unseres Unbewussten sind etwas verbindend Menschliches. Und die allerschönste unter ihnen ist doch ohne Zweifel die Liebe. Das ist mein anderes Thema.

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