Utopia (Mr. & Mrs. Philips 2)

Textauszug „Utopia“ Die Farben der Finsternis 3 Kapitel 7 https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1066969906

In ihrer Verzweiflung hatte sie sich das Leben nehmen wollen – das Leben, das sie ihr längst genommen hatten, als sie ihr das Leben genommen hatten, das aus ihr geboren worden war. Doch sie wusste nicht, wie sie das machen sollte. Irgendwann steckte ihr jemand einen Zettel zu. Auf dem Zettel stand: Dein Kind ist in Sicherheit. Bleib tapfer und komm in zwei Tagen nach der Abendspeisung in euren Kellerraum. Vernichte den Zettel! Ihr Herz begann wie wild zu pochen. Was blieb ihr anderes übrig, als den Zettel aufzuessen. Irgendwie machte sie das zuversichtlich, denn das hatte sie ja schon einmal gemacht und es war die Aktion gewesen, die ihren Weg nach draußen eingeleitet hatte. Nun galt es, ihn zu beenden, komme da, was auch immer da kommen wolle. Wenn da nur nicht diese Sehnsucht wäre – und diese unendlich schwere Last auf ihren Schultern.

Mein Kind, was habe ich dir angetan? Und du, mein Liebster, werden wir uns wiedersehen?

Als sie im Kellerraum, in ihrem Kellerraum, neben XA17, die in Wirklichkeit Bea hieß, und YD30 stand, der in Wirklichkeit Roger hieß und jetzt ganz allmählich in ihr Gedächtnis zurücksickerte, begann sie zu zittern. Verkrampft und starr geworden presste sie, den Kopf schüttelnd, Worte hervor, die sie selbst kaum hören konnte, weil in ihren Ohren ein Orkan rauschte.

«Nein, ich gehe nicht ohne mein Kind und auch nicht ohne ihn!»

Bea redete mit Engelszungen auf sie ein und erklärte ihr noch einmal, dass es anders nicht ginge. Roger, der ihr weiterhin eher fremd erschien, wollte die Aktion schon abbrechen, weil das Zeitfenster zu eng würde und auch andere auf die Flucht warteten, da war ihr, als hörte sie abermals die Stimme ihres Kindes, die zu ihr sprach.

Tu es für mich!

Endlich ließ sie sich voller Vertrauen fallen. Die Stimme wies ihr den Weg: in den Raum unter ihrem Raum und dann hinein in einen ihr endlos erscheinenden, engen Kriechtunnel. Ihre beiden Fluchthelfer zogen und schoben sie, doch sie merkte es kaum. Sie erinnerte sich plötzlich daran, wie sie es damals, wann auch immer das gewesen war, im MRT geschafft hatte. Das hatte sie mal wegen eines angeblich epileptischen Anfalls über sich ergehen lassen. Ganz nach innen gewandt, hatte sie sich auf sich selbst konzentriert und war den Wegen ihrer Fantasie gefolgt. Jetzt geleitete sie ihre Fantasie in die Freiheit hinaus. Der Moment, in dem sie die Freiheit mit tiefen Atemzügen inhalierte, verscheuchte die Angst. Die Hoffnung, dass alles gut würde, gewann Oberhand. Sie schwebte dem Ziel entgegen und sie war sich jetzt schlagartig sicher, dass sie es aushalten würde zu warten, bis auch er und ihr Kind dort angelangt waren.

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Veröffentlicht von jeanp

„Ich schreibe, also bin ich." Mein Motto, René Descartes entlehnt, weist mir seit vielen Jahren den Weg. Selten vergeht ein Tag, an dem ich nichts geschrieben habe. Ein anderer Wegweiser sind die Träume. Mit ihnen habe ich jahrzehntelang „gearbeitet" - beruflich: therapeutisch wie im Bildungswesen. Was wir nächtens erleben, kommt tief aus unserer Seele. Das ist mein Thema. Meine Geschichten handeln davon. Ich blicke meinen Heldinnen und Helden in die Seele. Was erleben sie wirklich? Was geht in ihren Köpfen und in ihrer Seele vor? Was passiert mit ihnen, wenn sie sich verlieben und verlieren, sich verirren und finden? Ich freue mich darüber, dass meine Geschichten Anklang finden, und wenn sich jemand bei dem einen oder anderen, was er liest, „ertappt fühlt", leide ich mit ihm - oder freue mich ganz besonders. Denn die Projektionen unseres Unbewussten sind etwas verbindend Menschliches. Und die allerschönste unter ihnen ist doch ohne Zweifel die Liebe. Das ist mein anderes Thema.

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